Krananlagen: Anschlagen & Lastaufnahmemittel
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Standardisierte Klassifizierung von Hebegurten und Lastentragvorrichtungen
Die sichere Handhabung von Lasten im Hebezeugbetrieb basiert auf präzisen, normgerechten Begriffsbestimmungen. In Europa bilden hierfür insbesondere die einschlägigen DIN-EN-Normen den Referenzrahmen. Anschlagmittel und Lastaufnahmemittel sind beide essenziell für den sicheren Hebezeugbetrieb, unterscheiden sich jedoch in Funktion, Normbezug und sicherheitstechnischen Anforderungen. Anschlagmittel (DIN EN 818, 1492, 13414) sind flexible Verbindungen zur Lastaufnahme; Lastaufnahmemittel (DIN EN 13155) sind konstruktive Vorrichtungen, die die Last greifen, tragen oder verteilen. Beide benötigen eine CE-Kennzeichnung und vollständige Dokumentation. Fehlzuordnungen führen zu falschen Prüf- und Sicherheitsniveaus sowie rechtlichen Risiken. Die konsequente Anwendung der einschlägigen Normen, die sachgerechte Klassifikation sowie risikobasierte Prüfungen durch befähigte Personen sind die Grundlage für rechtskonforme und praxisgerechte Sicherheit beim Heben von Lasten.
Sicheres Anschlagen von Lasten an Krananlagen
- Übersicht über standardisierte Hebegurte
- Lastaufnahmemittel
- Anschlagmittel versus Lastaufnahmemittel
- Materialien, Designs und Typen
- Typische Fehlzuordnungen
- Prüfung und Inspektion
- CE-Kennzeichnung
- Auswahl sicherer Hebegurte
- Ermittlung von Lastdaten
- Bestimmung der erforderlichen WLL
- Kenngrößen
- Kantenschutz
- Umgebungsbedingungen
- Konstruktive und organisatorische Hebemaßnahmen
- Kransignalisierung
- Auswahl- und Sicherheitskriterien
- Kritische Fehler und Verifizierungsregeln
- Dokumentation und Freigabe
Anschlagmittel nach DIN EN 818, DIN EN 1492, DIN EN 13414
DIN EN 818 (Kurzgliedrige Rundstahlketten für Hebezwecke; insbesondere Teil 4: Kettengehänge):
Anschlagketten und Kettengehänge sind flexible, aus kurzgliedrigen Rundstahlketten und zugehörigen Bauteilen zusammengesetzte Anschlagmittel, die als verstellbare Verbindung zwischen dem Tragorgan des Hebezeugs (z. B. Kranhaken) und der Last dienen. Die Norm regelt Werkstoffe, Güteklassen (z. B. 8, 10, 12), zulässige Tragfähigkeiten (WLL), Winkelbereiche, Prüfungen und Kennzeichnungen (z. B. Typenschild).
DIN EN 1492 (Textile Anschlagmittel):
Teil 1: Flachgewebte Hebebänder aus Chemiefasern;
Teil 2: Rundschlingen aus Chemiefasern.
Textile Anschlagmittel sind flexible Endlos- oder Bandgebilde aus synthetischen Fasern zur Aufnahme und Übertragung von Lasten. Die Normen definieren Mindest-Sicherheitsbeiwerte (typisch 7:1), Farbcodierungen in Abhängigkeit der Tragfähigkeit, Kennzeichnung (WLL, Länge, Werkstoff, Hersteller, Norm) und Anforderungen an Gebrauchsanleitungen.
DIN EN 13414 (Anschlagseile aus Stahldrahtseilen): Anschlagseile sind aus Stahldrahtseilen gefertigte, konfektionierte Anschlagmittel mit Endverbindungen (z. B. Pressklemmen, Spleiße, Kauschen). Festgelegt werden u. a. Sicherheitsbeiwerte (typisch ≥5), Anforderungen an Endverbindungen, Geometrien, Prüfungen und Kennzeichnung.
Lastaufnahmemittel nach DIN EN 13155
DIN EN 13155 definiert lose Lastaufnahmemittel (engl. non-fixed load lifting attachments) als nicht fest am Kran oder Hebezeug angebrachte Einrichtungen, die zwischen Tragorgan und Last angeordnet werden oder die Last unmittelbar greifen/aufnehmen. Beispiele sind Traversen, C-Haken, Greifer, Zangen, Klemmen, Coil- und Blechzangen, Vakuumheber, lasthebende Dauermagnete, Container-Spreaders, Kran-Gabeln.
Charakteristisch sind häufig konstruktive, formgebende oder kraftschlüssige Greifelemente, integrierte Sicherungen gegen unbeabsichtigtes Lösen, teilweise eigene Energiequellen oder Steuerungen (z. B. Vakuumerzeuger). DIN EN 13155 legt sicherheitstechnische Anforderungen (inkl. Versagenssicherheit, Schutz gegen unbeabsichtigtes Lösen, Betriebsanleitungen), Nachweise und Kennzeichnung fest.
Funktion:
Anschlagmittel: Flexible Verbindung zwischen Tragorgan und Last; keine lastseitige Greiffunktion im engeren Sinne, sondern Anschlagen/Umschlingen/Einhängen.
Lastaufnahmemittel: Vorrichtungen, die die Last gezielt fassen, tragen oder verteilen; häufig mit definierter Geometrie (z. B. Traverse) oder Greifmechanik (z. B. Klemme).
Normative Zuordnung:
Anschlagmittel: EN 818, EN 1492, EN 13414 (sowie ergänzend EN 1677 für Kettenbauteile).
Lastaufnahmemittel: EN 13155.
CE-Einstufung:
Beide sind “lastaufnehmende Ausrüstungen” der Maschinenrichtlinie und grundsätzlich CE-kennzeichnungspflichtig. Die Konformitätsbewertung stützt sich auf die jeweilige harmonisierte Norm.
Anschlagmittel: Werkstoffe und Bauarten
Rundstahlketten und Kettengehänge (DIN EN 818):
Ein-, Zwei-, Drei-, Vierstrang-Gehänge; verstellbar mit Verkürzungsklauen.
Güteklassen (z. B. 8, 10, 12) beeinflussen WLL und Temperaturbereiche.
Kennzeichnung über Typenschild: Hersteller, Strangzahl, Nenndurchmesser, WLL in Abhängigkeit vom Neigungswinkel, Norm, CE.
Textile Anschlagmittel (DIN EN 1492-1/-2):
Hebebänder (flach, mit Schlaufenenden) und Rundschlingen (endlos).
Farbcodierung als schnelle Orientierungshilfe der Nenntragfähigkeit.
Sensibilität gegenüber Schnitt-, Abrieb-, Hitze- und Chemikalienbelastung; Schutzhüllen und Kantenschoner als Zubehör.
Drahtseil-Anschlagseile (DIN EN 13414):
Bauarten: Pressklemmen-Ösen, Spleißösen, Soft Eyes, Seilkauschen.
Hohe Abrieb- und Temperaturbeständigkeit; Biegeradien und Kinken vermeiden.
Sichtprüfung auf Drahtbrüche, Quetschungen, Korrosion, Endverbindungsschäden.
Anschlagkomponenten (ergänzend EN 1677):
Schäkel, Lasthaken, Aufhängeköpfe, Ringschrauben/-muttern, Wirbel.
Müssen zur Güteklasse und Nenngröße passend ausgewählt und gekennzeichnet sein.
Lastaufnahmemittel: Bauarten und Funktionsprinzipien (DIN EN 13155)
Lastverteilende Träger: Traversen, Spreizen, Jochträger; definieren Anschlagpunkte, reduzieren Anschlagwinkel, verhindern Lastverformung.
Formschlüssige Greifer: C-Haken für Coils, Dornaufnahmen, Container-Spreaders.
Kraftschlüssige Greifer: Blechzangen, Klemmen, Scherengreifer; bei korrekter Reibungskraft dimensioniert und mit Sicherungen gegen Lösen.
Adhäsive Systeme: Vakuumheber (mit Energieüberwachung, Rückhalteeinrichtungen); Magnetheber (permanent, elektrisch, mit Sicherheitsfaktoren und Entmagnetisierungskontrolle).
Lastaufnehmende Werkzeuge: Kran-Gabeln, Fassgreifer, Big-Bag-Aufnahmegestelle.
Typische Fehlzuordnungen und deren Auswirkungen
Traverse als “Anschlagmittel” deklariert: Folge: Es fehlen EN-13155-spezifische Anforderungen (z. B. Sicherung gegen unbeabsichtigtes Lösen, Stabilitätsnachweise), unzureichende Betriebsanleitung, fehlerhafte CE-Konformität. Risiken: Haftungsprobleme, Nutzungsbeschränkungen im Audit, erhöhte Unfallgefahr.
Blechklemmen als “Schäkeln/Haken” behandelt: Folge: Übersehen von Greifsicherungen, Mindest-Blechdicken, Kantenradien und Oberflächenanforderungen; fehlerhafte WLL-Annahmen.
Vakuumheber als “einfaches Zubehör” ohne CE: Folge: Verstoß gegen Maschinenrichtlinie, fehlende Sicherheitsfunktionen (Energieüberwachung, Warnsysteme), keine Konformitätserklärung – potentieller sofortiger Nutzungsstopp.
Textilrundschlinge als Lastaufnahmemittel interpretiert und ohne Normbezug beschafft: Folge: Fehlende normgerechte Kennzeichnung (WLL, Länge, Werkstoff, Norm), unklare Sicherheitsbeiwerte; im Schadensfall Beweislastproblem.
Anschlagpunkte (Ringschrauben/Wirbel) als Lastaufnahmemittel nach EN 13155 eingestuft: Tatsächlich sind dies Anschlagkomponenten (z. B. nach EN 1677 bzw. herstellerspezifischen Normen), die an der Last verbleiben können; Prüfung und Kennzeichnung unterscheiden sich.
Vor Inbetriebnahme:
Hersteller führt die erforderlichen Prüfungen (z. B. statische/dynamische) gemäß der einschlägigen Norm durch, erstellt Konformitätserklärung und Dokumentation. CE-Kennzeichnung ist sowohl für Anschlagmittel (als “Lifting Accessories”) als auch für Lastaufnahmemittel erforderlich.
Wiederkehrende Prüfungen:
Betreiberpflicht gemäß Arbeitsschutzrecht (z. B. Betriebssicherheitsverordnung) und Technischen Regeln: regelmäßige Prüfungen durch eine befähigte Person. Übliche Intervalle: mindestens jährlich; risikobasiert kürzer (z. B. bei hoher Beanspruchung, rauer Umgebung).
Vor jedem Einsatz: Sicht- und Funktionsprüfung durch den Anwender (z. B. auf Schäden, Kennzeichnung, Vollständigkeit).
Umfang der Prüfung:
Anschlagmittel: Sichtprüfung (Verschleiß, Dehnung, Risse), Maßkontrolle (Kettenmaß, Glieddicke), Identifizierbarkeit (Typenschild, Etikett), Funktionsprüfung von Bauteilen (Hakenverschlüsse). Keine wiederkehrenden Belastungsproben, sofern normativ nicht gefordert; nach Instandsetzung ggf. besondere Prüfungen.
Lastaufnahmemittel: Zusätzlich Funktionsprüfungen von Mechanismen (Greifer, Verriegelungen), Energieversorgung und Überwachung (Vakuum, Magnet), Stabilitäts- und Geometriechecks, Kennzeichnungskontrolle.
Dokumentation:
Prüfprotokolle, Nachverfolgbarkeit (Serien-/ID-Nummer), Bedienungsanleitungen in deutscher Sprache, Reparatur- und Austauschhistorie.
Fehlzuordnungen wirken sich direkt auf Prüfumfang und -tiefe aus: Wird z. B. ein Vakuumheber fälschlich wie ein einfaches Anschlagmittel behandelt, bleiben Funktions- und Sicherheitstests aus – ein gravierendes Risiko.
CE-Kennzeichnung und Dokumentation
Anschlagmittel: CE-Kennzeichnung als “Lastaufnahmeeinrichtung” gemäß Maschinenrichtlinie; Angaben: Hersteller, Typ/ID, WLL, relevante Norm (z. B. DIN EN 1492-2), Herstelljahr. Beizufügen: EG-Konformitätserklärung, Montage-/Gebrauchsanleitung, ggf. Werkstoff- und Prüfzeugnisse.
Lastaufnahmemittel: CE-Kennzeichnung gemäß DIN EN 13155 i. V. m. Maschinenrichtlinie; zusätzliche Angaben je nach Bauart (Eigengewicht, Lastschwerpunkt, Betriebsparameter). Erforderlich: Risikobeurteilung, Anleitungen inkl. Restgefährdungen, Wartungs- und Prüfhinweise.
Konsequenzen fehlerhafter CE-Zuordnung: Unvollständige oder falsche Konformitätsbewertung, fehlende Herstellerpflichten, behördliche Maßnahmen (Verkaufs-/Nutzungsverbote), haftungsrechtliche Risiken
Zusammenfassung
Anschlagmittel und Lastaufnahmemittel sind beide essenziell für den sicheren Hebezeugbetrieb, unterscheiden sich jedoch in Funktion, Normbezug und sicherheitstechnischen Anforderungen. Anschlagmittel (DIN EN 818, 1492, 13414) sind flexible Verbindungen zur Lastaufnahme; Lastaufnahmemittel (DIN EN 13155) sind konstruktive Vorrichtungen, die die Last greifen, tragen oder verteilen. Beide benötigen eine CE-Kennzeichnung und vollständige Dokumentation. Fehlzuordnungen führen zu falschen Prüf- und Sicherheitsniveaus sowie rechtlichen Risiken. Die konsequente Anwendung der einschlägigen Normen, die sachgerechte Klassifikation sowie risikobasierte Prüfungen durch befähigte Personen sind die Grundlage für rechtskonforme und praxisgerechte Sicherheit beim Heben von Lasten.
Die Auswahl sicherer Anschlagmittel und Hebezeuge setzt eine systematische Lastanalyse voraus. Kernschritte sind:
Ermitteln aller lastrelevanten Daten (Gewicht, Schwerpunkt, Form, Oberfläche) und der verfügbaren Anschlagpunkte.
Ableitung der erforderlichen WLL (Working Load Limit) unter Einbezug von Anschlagwinkeln, Reeving/Umlenkfaktoren und Lastverteilung.
Prüfung kritischer Kenngrößen wie D/d-Verhältnis, Anschlagwinkelgrenzen und Kantenradius.
Festlegung von Schutzmaßnahmen (Kantenschutz, Schutzhüllen) für Last und Anschlagmittel.
Bewertung der Umgebungsbedingungen (Temperatur, Chemikalien, ATEX/EPL und Erdung).
Berücksichtigung baulicher Einschränkungen (beengte Platzverhältnisse, Überkopfarbeit) sowie Kommunikationsregeln (Handzeichen, Funk).
Die nachfolgende Darstellung bietet einen praxisorientierten Leitfaden mit Berechnungsansätzen, Auswahlregeln und Plausibilisierungen.
Gewicht
Dokumente und Daten: Zeichnungen, Stücklisten, Werkszeugnisse, Frachtbriefe oder Materialdatenbanken liefern Soll-Gewichte. Abweichungen durch Fertigungstoleranzen, Anbauten, Medienfüllung (Flüssigkeiten), Eis/Schmutz sind zu berücksichtigen.
Wiegetechnik: Kranwaagen, Lastmessbolzen, mobile Wiegebalken. Beim Probeschub (vorsichtiges Anheben) Lastanzeige verifizieren und Sicherheitsspielraum wahren.
Näherung: Volumen × Dichte für homogene Körper; bei komplexen Baugruppen Teilmassen aufsummieren. Sicherheitsaufschlag, falls Unsicherheit >5–10 %.
Schwerpunktlage (SP)
Ziel: Verhindern unkontrollierter Kippbewegungen; horizontale Einhängung nur möglich, wenn die vertikale Projektion des Schwerpunktes innerhalb des Stützpolygons der Anschlagpunkte liegt.
Methoden: Aus Zeichnungen: Geometrische SP-Bestimmung (Massenschwerpunktsberechnung).
Praktische Ermittlung: Probezug in geringer Höhe, mit Taglines kontrollieren; Laserlot oder Pendel zur SP-Vertikalen.
Messmodule: Lastzellen an mehreren Strängen, rechnerische SP-Bestimmung aus Kraftverteilung.
Konsequenzen
Bei unbekanntem oder exzentrischem SP sind mehrsträngige Systeme so zu dimensionieren, dass einzelne Stränge temporär bis zur maximal anzunehmenden Last tragen können (siehe Lastverteilung).
Form, Geometrie und Oberfläche
Form: Zylindrisch, prismatisch, asymmetrisch. Form bestimmt die Wahl von Anschlagart (Einstrang, Zweistrang, Korb-/Strupfanschlag, Traversen).
Oberfläche: Rau, scharfkantig, beschichtet, empfindlich (lackiert, poliert). Rauigkeit und Kantenradius beeinflussen Abrieb, punktuelle Pressung und Schädigung von Textil-/Draht-/Kettenanschlagmitteln.
Kanten und Auflageflächen: Kantenradius r_edge messen; Mindestbiegeradien der Anschlagmittel beachten (siehe Kantenradius und D/d).
Verfügbare Anschlagpunkte
Werkseitige Anschlagpunkte: Ösen, Ringschrauben, Laschen; Tragfähigkeit, Gewindequalität und Einschraubtiefe prüfen; Markierungen (WLL, Werkstoff, Hersteller) dokumentieren.
Temporäre Anschlagpunkte: Schäkel an Lastaufnahmepunkten, Bandschlingen um Bauteile, Anschweißhaken (nur durch befähigte Personen geschweißt, Werkstoffgleichheit beachten).
Zustand und Ausrichtung: Risse, Korrosion, Verformungen, unzulässige Gewindeschäden. Zugrichtung muss mit Konstruktion kompatibel sein (axiale Belastung bevorzugt, Querzug vermeiden).
Abstände/Geometrie: Horizontale/vertikale Abstände bedingen resultierende Anschlagwinkel und damit Strangkräfte.
Begriffe und Sicherheitsphilosophie
WLL (Working Load Limit): Zulässige Nutzlast eines Anschlagmittels unter definierten Bedingungen.
MBL (Minimum Breaking Load): Minimale Bruchkraft. WLL = MBL / Sicherheitsfaktor (SF). SF je nach Norm/Produkt unterschiedlich (z. B. Kette, Drahtseil, Textil).
Systembetrachtung: Die niedrigste WLL in der Lastkette (Haken–Aufhängering–Kuppelglieder–Stränge–Verbindungselemente–Anschlagpunkte) ist maßgeblich.
Anschlagwinkel und Strangkräfte
Definitionen:
α = Anschlagwinkel zur Horizontalen (pro Strang).
θ = Winkel zur Vertikalen; θ = 90° − α.
Symmetrischer 2-Strang-Anschlag:
Strangkraft T = W / (2 · sin α) = W / (2 · cos θ).
Beispiel: W = 10 t, α = 30° → T = 10 / (2 · 0,5) = 10 t pro Strang.
Gleiche Last mit α = 45° → T ≈ 10 / (2 · 0,707) ≈ 7,07 t pro Strang.
Symmetrischer 3-/4-Strang-Anschlag:
Theoretisch T = W / (n · sin α). In der Praxis führt Geometrietoleranz zu ungleicher Lastverteilung.
Konservativer Ansatz: Ohne nachweisliche Gleichlastverteilung nur 2 wirksam tragende Stränge ansetzen (n_eff = 2).
Eine kraftausgleichende Traverse oder Lastausgleichsgehänge kann eine gleichmäßige Lastverteilung herstellen.
Grenzwerte:
Typisch sind α ≥ 30° empfohlen; α < 30° (flache Spreizung) führt zu stark steigenden Strangkräften.
Hersteller-/Normtabellen für WLL vs. Anschlagwinkel sind verbindlich zu beachten.
Anschlagarten und Lastverteilungsfaktoren
Direkt-/Geradezug: Einstrang, volle WLL eines Strangs, Winkelbezug entfällt.
Korb-/Bandschlag (Basket hitch): Verdopplung der Tragfähigkeit möglich, aber abhängig vom Druck-/Reibschluss und der Lastauflage. Bei unzureichendem Kantenradius oder Rutschen reduzierte WLL ansetzen.
Strupf-/Chokerschlag: Reduzierte WLL (typisch 0,8 × Geradezug, je nach Norm/Hersteller). Nicht für Kantenlasten ohne Schutz.
Exzentrischer SP: Der nächstliegende Strang wird stärker belastet. Ohne rechnerischen Nachweis Worst-Case-Verteilung ansetzen (ein Strang trägt bis zur geometrisch plausiblen Maximalbelastung).
Reeving-/Umlenkfaktoren
Mechanischer Vorteil: Theoretisch F_Haken ≈ m · F_Zug bei m Seilsträngen. Real reduziert durch Reibung.
Wirkungsgrad: Pro Umlenkrolle (Lager/Reibung) ein Effizienzfaktor η ≈ 0,90–0,95. System: F_Haken ≈ m · η^s · F_Zug (s = Anzahl wirkender Umlenkungen).
Konsequenzen:
WLL des Seils: Bemisst sich nach maximaler Linienzuggkraft F_Zug; Seil und Rollen sind auf D/d-Verhältnis zu prüfen.
WLL des Blocks/Flaschenzugs: Muss auf resultierende Hakenlast (F_Haken) ausgelegt sein.
Ankerpunkt: Nimmt Reaktionskräfte aus Umlenkungen auf; diese können die Last übersteigen.
Vorgehen zur WLL-Bestimmung (Beispiel)
Lastdaten: W = 12 t; zwei Anschlagpunkte, Abstand so, dass α = 45°.
Anschlagart: 2-Strang Kette, Grade 8, Direktanschlag.
Strangkraft: T = 12 / (2 · 0,707) ≈ 8,49 t.
Auswahl Stränge: Pro Strang WLL ≥ 8,5 t bei 45°. Hersteller-Tabelle prüfen (WLL hängt vom Winkelbereich; ggf. Nenn-WLL bei 0–45° und 45–60°).
Verbindungselemente: Schäkel, Aufhängering, Haken jeweils WLL ≥ F_max im System, inklusive Winkel- und Reevingfaktoren.
Randbedingungen: Kantenradius ausreichend? Temperatur 80 °C? Chemikalien? ATEX? Ggf. Derating und Schutzmaßnahmen einplanen.
Dokumentation: Konfiguration, WLL, berechnete Strangkräfte, Schutzmaßnahmen, Prüfnachweise.
D/d-Verhältnis
Definition: D = wirksamer Biege-/Auflagendurchmesser (z. B. Rolle, Bolzen, Schäkelbolzen), d = Durchmesser des flexiblen Anschlagmittels (Drahtseil, Rundschlinge, Kette).
Drahtseile:
Umlenkrollen: Üblich D/d ≥ 20 (Anhaltswert; abhängig von Seilkonstruktion). Kleinere Werte erhöhen Drahtbiegespannung, reduzieren Lebensdauer und Tragfähigkeit.
Auflage/Pins: Möglichst D/d ≥ 2–3 (mindestens Herstellerangaben).
Ketten: Kettenglieder haben definierten Biegeradius; kleine Bolzen/Pins vermeiden Quetschung; Orientierung so, dass Last im geraden Schenkel anliegt.
Textil (Rundschlingen, Hebebänder): Mindestbiegeradien je nach Produkt. Faustregel: Je weicher und größer D, desto besser. Beim Auflegen auf Bolzen/Schäkel den wirksamen Radius bewerten (nicht nur Nenn-Durchmesser).
Konsequenz: Unterschreitung der Mindest-D/d-Werte vereist Derating oder alternative Anschlagpunkte/Adapter (z. B. Schäkel mit größerem Bolzen).
Anschlagwinkel
Kleine α (flache Spreizung) führen zu hohen Strangkräften. Nachweis, dass gewählte Winkel im zulässigen Bereich liegen; ggf. Einsatz von Traversen/Spreadern zur Reduktion der Winkel.
Schutzmaßnahmen: Kantenschutz und Schutzhüllen
Kantenschutz: Formstücke (Gummi, Polyurethan, Holz, gehärtete Winkel), kantenumgreifende Schutzwinkel, Gleitplatten mit großem Radius.
Fest fixiert oder lose eingelegt; gegen Verrutschen sichern. Tragfähigkeit und Druckfestigkeit ausreichend auslegen.
Schutzhüllen/Scheuerschutz: Textile Schläuche, PU-Beschichtungen, Leder-/Kevlar-Einlagen bei scharfen oder heißen Oberflächen (Temperaturgrenzen beachten).
Lastschutz: Weiche Einlagen zur Schonung empfindlicher Oberflächen (lackierte Maschinen, polierte Rohre).
Auswahl: Materialverträglichkeit mit Chemikalien und Temperatur prüfen.
Dokumentieren, dass Schutzkomponenten die Anschlagmittel nicht nachteilig beeinflussen (z. B. Wasseraufnahme, Quellung, Wärme).
Temperatur-Derating (−20 bis +100 °C)
Ketten (z. B. Güteklasse 8/10): Im Bereich −20 bis +100 °C in der Regel ohne Derating einsetzbar (Herstellerangaben maßgeblich). Unter −20 °C Sprödbruchgefahr, über 100–200 °C schrittweise Reduktion.
Drahtseile: −20 bis +100 °C zumeist ohne nennenswerte Reduktion. Polymerkerne (FC/PP) bei >80–100 °C kritisch; Metallkerne bevorzugen. Schmierung thermisch geeignet wählen.
Textil (PES/PA/PP): Polyester (PES): Bis 80 °C meist 100 % WLL; 80–100 °C reduzierte WLL (z. B. 90–95 %; herstellerspezifisch). Unter −20 °C Steifigkeit hoch, vorsichtig handhaben.
Polyamid (PA): Feuchtigkeitsaufnahme ändert Dehnung; bei tiefen Temperaturen steifer, bei >80 °C deraten.
Polypropylen (PP): Geringere Temperaturfestigkeit; nahe 100 °C kritisch.
Generell: Temperaturwechsel, Wärmestrahlung und lokale Heißpunkte (z. B. Kanten) beachten; ggf. Hitzeschutz verwenden.
Chemikalieneinflüsse
Metalle: Korrosion (Feuchtigkeit, Salze), Spannungsrisskorrosion (Edelstähle in Chloriden), Sulfidversprödung (H2S-Umgebungen). Schutz: Beschichtungen, geeignete Werkstoffe, Schmierung.
Textile: Polyester (PES): Gut gegen viele organische Lösungsmittel und mineralische Säuren, empfindlich gegen Laugen/Alkalien.
Polyamid (PA): Empfindlich gegen Säuren, widerstandsfähiger gegen Alkalien.
Polypropylen (PP): Gute Beständigkeit gegen viele Säuren/Laugen, mäßig gegen organische Lösungsmittel; UV-Empfindlichkeit beachten.
Vorgehen: Chemikalienliste mit Konzentration/Temperatur; Hersteller-Kompatibilitätstabelle konsultieren; bei Unklarheit metallische Alternativen oder beschichtete/protektive Systeme wählen.
ATEX: Zonen, EPL und Erdung
Zonenklassifikation: Gas: Zone 0/1/2 → EPL Ga/Gb/Gc. Staub: Zone 20/21/22 → EPL Da/Db/Dc.
Anforderungen: Hebezeuge/Anschlagmittel als nicht-elektrische Betriebsmittel können zündfähige Funken (mechanisch) oder elektrostatische Aufladung erzeugen.
Auswahl ATEX-konformer Komponenten mit geeigneter EPL, Werkstoffpaarungen (Funkenarm, z. B. Aluminiumbronze/Berylliumkupfer für Kontaktpunkte, wo sinnvoll), Oberflächentemperaturgrenzen beachten.
Erdung/Leitfähigkeit: Potenzialausgleich sicherstellen: Alle leitfähigen Teile elektrisch leitend verbinden und erden.
Textile Anschlagmittel: Antistatische/leitfähige Einlagen oder leitfähige Garne wählen (Oberflächenwiderstand gemäß Hersteller).
Überbrückung über Lager/Wirbel: Erdungsbänder oder Bürsten nutzen, da drehbare Verbindungselemente elektrische Kontinuität unterbrechen können.
Betrieb: Vermeidung von Schlag/Stoß auf rostige oder oxidierte Oberflächen; keine Stahl-auf-Stahl-Schläge.
Funksysteme mit ATEX-Zulassung; Batterien/Akkus gemäß Zonenzulassung.
Konstruktive und organisatorische Maßnahmen
Headroom/Einbauhöhe: Low-Headroom-Anschlagmittel (kurze Haken, kompakte Aufhängeringe), Kettengeschirre mit Kurzgliedern, Kurzgliedverkürzer (Kürzglieder).
Traversen/Spreader reduzieren Spreizwinkel und halten Gesamthöhe klein.
Führung und Stabilität: Taglines zur Pendeldämpfung; Drehwirbel bei erlaubter Rotation. In engen Schächten/Anlagen Schwingung strikt begrenzen.
Bauliche Hindernisse: Schutz gegen Anstoßen (Kantenschutz, Rutschmatten), kontrollierte Bewegungsführung, ggf. Schrittbewegungen am Kran (Feinhub).
Überkopfarbeit: Exclusion Zone unter der Last festlegen und absperren.
Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) für Anschläger auf erhöhten Arbeitsplätzen.
Remote-Release-Haken erwägen, um das Lösen aus dem Gefahrenbereich durchzuführen.
Auswahl der Anschlagkonfiguration
Bei eingeschränkter Spreizung: Lasteinleitende Traverse nutzen, um α zu erhöhen und Strangkräfte zu senken.
Bei unzugänglichen Anschlagpunkten: Magnet-/Vakuumheber nur mit Zulassung, Redundanz und glatter Oberfläche; im Zweifelsfall mechanische Sicherungen.
Kurzschluss der Lastwege vermeiden: Keine Kreuzung von Strängen über scharfen Kanten; Verdrehung minimieren.
Rollen und Grundsätze
Einweiser (Signalgeber) bestimmt die Befehle; nur eine Person kommuniziert mit dem Kranführer. Not-Halt kann jede Person auslösen.
Closed-Loop-Kommunikation: Befehl – Rückmeldung – Bestätigung. Bei Funk stets Rufzeichen nutzen.
Standard-Handzeichen (Auszug, sinngemäß)
Heben: Arm aufwärts, Hand rotiert nach oben; oder Handfläche aufwärts mit deutlicher Aufwärtsbewegung.
Senken: Arm abwärts, Hand rotiert nach unten.
Stop: Arm seitlich waagerecht, Handfläche offen.
Not-Halt: Beide Arme hoch/kreuzend, deutliches Zeichen.
Langsam: Hand vor Mund/Brust mit reduzierter, ruckfreier Geste; oder Begleitzeichen „langsam”.
Kranfahrt/Schwenken: Arm zeigt Richtung, Kreisbewegung für Schwenken.
Einweisen/Positionieren: Daumen hoch/runter/seitlich mit feinen Korrekturzeichen.
Hinweis:
Inbetrieblichen Anweisungen die konkret normierten Zeichen (z. B. DGUV/EN) verbindlich schulen und piktografisch aushängen.
Funkkommunikation
Kanaldisziplin: Feste Kanäle, Rufzeichen, klare Kommandos. Schlüsselwörter: „Stopp“ hat Vorrang; „Wiederholen“ bei Unklarheit.
Bestätigungsprinzip: „Heben 0,5 Meter“ – „Verstanden, hebe 0,5 Meter“ – „Korrekt“.
Umgebungslärm: Headsets mit Gehörschutz; bei Ausfall auf Handzeichen wechseln.
Kriterienbündel
Technische Eignung: WLL ≥ erforderliche Strangkraft (inkl. Winkel-/Reeving-/Deratingfaktoren).
D/d-Verhältnis, Kantenradius, Anschlagart (Geradezug, Korb, Choker).
Kompatibilität von Verbindungselementen (Bolzen-Ø, Maulweite).
Umwelt und Sicherheit: Temperaturbereich, Chemikalien, ATEX/EPL und Erdungskonzept.
Oberflächenschutzbedarf, Schwingungs-/Schockbelastungen.
Ergonomie/Handling: Gewicht des Anschlagmittels, Handhabbarkeit in beengten Verhältnissen, Sichtbarkeit (Farbkodierung).
Verfügbarkeit und Konformität: Normkonformität (z. B. EN 818 Ketten, EN 13414 Drahtseile, EN 1492 Textil).
Identifikation (Tragfähigkeitsanhänger), Zertifikate, Prüffristen.
Checkliste (kompakt)
Lastdaten verifiziert (W, SP, Form/Oberfläche).
Anschlagpunkte vorhanden/tragfähig/ausgerichtet.
Anschlagwinkel ermittelt; ggf. Traverse/Spreader vorgesehen.
Strangkräfte berechnet; WLL aller Komponenten ≥ Bedarf.
D/d und r_edge geprüft; Kantenschutz/Schutzhüllen eingeplant.
Temperatur/Chemie/ATEX bewertet; Derating berücksichtigt; Erdung gesichert.
Platzverhältnisse/Überkopfbetrieb organisiert; Exclusion Zone definiert.
Kommunikation festgelegt (Einweiser, Handzeichen, Funk).
Prüfstatus aller Mittel gültig; Dokumentation vollständig.
Typische Fehlerquellen
Verwechslung der Winkeldefinition (Horizontal vs. Vertikal).
Annahme gleichmäßiger Lastverteilung bei 3-/4-Strang ohne Nachweis.
Unterschätzter Einfluss kleiner Biegeradien (D/d) und scharfer Kanten.
Derating durch Temperatur/Chemikalien ignoriert.
Fehlende Erdung/Antistatik in ATEX-Zonen.
Plausibilitätsregeln
Je flacher die Stränge (kleiner α), desto schneller steigen Strangkräfte: Werte > der Last je Strang sind keine Seltenheit – kritisch prüfen.
3-/4-Strang nur als Redundanz betrachten, sofern kein ausgeglichener Träger vorhanden.
Bei Zweifeln zu Kantenradius immer Kantenschutz vorsehen.
Wenn die Konfiguration komplex wird (Umlenkungen, Exzentrik, enge Bauräume): Skizze/3D-Modell erstellen, Kräftepfeile eintragen, Freikörperbild rechnen.
Dokumentation und Freigabe
Festhalten von: Lastdaten, Anschlagplan (Skizze, Fotos), Komponentenliste mit WLL und Seriennummern, Berechnungen der Strangkräfte/Winkel, Deratingannahmen, Schutzmaßnahmen, ATEX/Erdungskonzept.
Vor-Ort-Jobbriefing: Durchgehen des Anschlagplans, Rollenverteilung, Kommunikationsprotokoll, Notfallverfahren.
Nachführung: Abweichungen und Lessons Learned dokumentieren; beeinflusst zukünftige Auswahlkriterien.
